Nachfolgelücke bedroht 400.000 Arbeitsplätze
Wiesbaden/Frankfurt am Main, 13. Oktober 2026 – Rund 100.000 Unternehmen stehen in Deutschland jährlich zur Nachfolge an. Gelingt die Übergabe nicht, stehen nach einer konservativen Schätzung von Prof. Dr. Holger Wassermann, wissenschaftlicher Leiter des Nachfolgemonitors am KCE KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule, rund 400.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Unternehmensnachfolge ist damit eine der zentralen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Der Nachfolgemonitor 2026, den der Verband Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB) gemeinsam mit der Creditreform Rating AG, dem KCE der FOM Hochschule und der FH Salzburg heute in Frankfurt am Main vorstellt, macht deutlich: Viele Betriebe kommen bereits geschwächt auf den Nachfolgemarkt, der Frauenanteil unter den Übernehmenden ist auf einen historischen Tiefstand gefallen und mehr als acht von zehn Übernahmen werden von einer einzigen Person allein gestemmt. Prof. Dr. oec. Carsten Kruppe hat für die diesjährige Ausgabe eine gesonderte Auswertung für Hessen erarbeitet. Grundlage sind unter anderem Daten der Bürgschaftsbank Hessen und der Creditreform Rating AG.
Deutschlands Mittelstand läuft in die Nachfolgefalle
Die Lage auf dem Nachfolgemarkt hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschärft. Geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Übergabealter, doch aus den jüngeren Generationen rücken deutlich weniger potenzielle Nachfolger nach.
Besonders deutlich wird das beim Alter der Übergebenden: Sie sind inzwischen im Median 64 Jahre alt. Zugleich wächst die Gruppe der sehr späten Übergaben: 7,0 Prozent der Übergebenden waren zuletzt 75 Jahre und älter. Auf der anderen Seite bilden die 30- bis 39-Jährigen knapp die Hälfte der Übernehmenden. Viele Babyboomer treffen damit auf zahlenmäßig kleinere Nachfolgegenerationen. Zuletzt erreichten die im Datensatz registrierten Unternehmensübergaben einen historischen Tiefstand.
Frauenanteil und Solo-Nachfolge: Ungenutztes Potenzial
Der Anteil weiblicher Übernehmender fiel 2025 bundesweit auf 18,9 Prozent, erstmals unter die Marke von einem Fünftel. 2017 lag er noch bei 22,9 Prozent. Die typische Übernahmephase fällt dabei genau in die sogenannte „Rushhour des Lebens”: Die größte Gruppe der Nachfolgenden ist zwischen 30 und 39 Jahre alt. Unternehmensübernahme, berufliche Entwicklung und Familiengründung konkurrieren um dieselben Lebensjahre.
Gleichzeitig wird Nachfolge immer häufiger zur Solo-Aufgabe. 81,2 Prozent der Übernahmen wurden 2025 von Einzelpersonen gestemmt. Team-Nachfolgen bleiben die Ausnahme.
Der Kaufpreis ist erst der Anfang
Wer einen Betrieb übernimmt, kauft häufig auch einen Modernisierungsbedarf mit. Rund 77 Prozent des gesamten Kapitalbedarfs einer Nachfolge entfallen bereits auf den Kaufpreis. Für Modernisierung, Betriebsmittel und Wachstum muss zusätzliches Kapital vorhanden sein. Bei 52,9 Prozent der untersuchten Unternehmen steigt nach der Übernahme das EBITDA, also das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Bei 54,1 Prozent sinkt jedoch das EBIT. Das spricht dafür, dass Nachfolger nach der Übernahme in Modernisierung und Erneuerung investieren: notwendige Schritte, die kurzfristig Abschreibungen erzeugen und das Ergebnis belasten.
Der Nachfolgemonitor zeigt aber auch: Neues Management kann Unternehmen stabilisieren. Ein erheblicher Teil der Betriebe mit zuvor schwacher Bonität verbessert sich nach dem Eigentümerwechsel. Nachfolge kann damit wirtschaftliche Substanz nicht nur erhalten, sondern auch neue Entwicklung ermöglichen.
Hessen im Fokus: Regionale Vielfalt, struktureller Wandel, Finanzierungsbesonderheiten
Regional ist die Nachfolgeaktivität in Hessen sehr unterschiedlich verteilt. Aus der Auswertung der von der Bürgschaftsbank Hessen und Creditreform erfassten Übergaben geht hervor: Gemessen an den Nachfolgen je 100.000 Einwohner verzeichnet der Regierungsbezirk Kassel mit rund 16,5 die höchste Aktivität, gefolgt vom Regierungsbezirk Gießen mit rund 12,8 und dem Regierungsbezirk Darmstadt mit rund 9,4. In den ländlicheren Regionen bilden etablierte mittelständische Familienbetriebe das Rückgrat der Wirtschaft, weshalb Generationenwechsel dort eine zentrale Rolle für Standort- und Beschäftigungssicherung spielen. Im Ballungsraum dominieren hingegen Dienstleistungsstrukturen, Konzernniederlassungen und Neugründungen.
Kleinstbetriebe stehen zunehmend unter Druck: Der Anteil der Kleinstbetriebe mit null bis neun Mitarbeitenden an den erfassten Nachfolgen ist im Zeitverlauf spürbar zurückgegangen. Für potenzielle Nachfolgende wird das Eingehen eines Erwerbs- und Übernahmerisikos bei sehr kleinen Betriebseinheiten zunehmend unattraktiv, da feste Strukturen und eine zweite Führungsebene fehlen. Kleinbetriebe mit zehn bis 49 Beschäftigten gewinnen dagegen an Bedeutung.
Das Nachfolgegeschehen in Hessen konzentriert sich auf wenige Branchen. Handwerk (32,9 Prozent) und Sonstiges Gewerbe (22,4 Prozent) dominieren und vereinen gemeinsam mit der Industrie (9,0 Prozent) rund zwei Drittel aller Übernahmen.
Die Auswertung zeigt darüber hinaus, dass die Betriebe, für die in Hessen Nachfolgen beobachtet wurden, im Durchschnitt deutlich kleiner sind als im Bundesdurchschnitt und vor der Übergabe eine schwächere Umsatzentwicklung zeigen. Die Studie führt Unterschiede in der Entwicklung unter anderem auf abweichende Branchenwahl und unterschiedliches Investitionsverhalten zurück.
„Die Zahlen für Hessen bestätigen: Unternehmensnachfolge ist kein Selbstläufer. Dass der Frauenanteil unter den Nachfolgern trotz eines wirtschaftsstarken Bundeslandes so deutlich unter dem Bundesschnitt liegt, zeigt, wo Handlungsbedarf besteht. Gemeinsam mit unseren Partnern setzen wir uns dafür ein, dass Nachfolge in Hessen für alle Unternehmerpersönlichkeiten zugänglich bleibt, unabhängig von Branche, Region oder Hintergrund”, sagt Sven Volkert, Geschäftsführer der Bürgschaftsbank Hessen.
Bürgschaftsbank Hessen: Partner für den gesamten Nachfolgeprozess
Für die Bürgschaftsbank Hessen ist Unternehmensnachfolge seit Jahrzehnten ein Kernthema. Im Jahr 2025 entfielen rund 55 Prozent des gesamten Neugeschäftsvolumens auf Unternehmensnachfolgen. Mit Bürgschaften und Garantien in Höhe von 90,2 Millionen Euro wurde im vergangenen Jahr ein Rekordvolumen erreicht, das Investitionen und Liquidität von insgesamt 183 Millionen Euro für hessische Unternehmen ermöglicht hat.
Auch 2026 unterstützt die Bürgschaftsbank Hessen Formate wie den Hessischen Gründerpreis sowie das Nachfolgeprojekt Hessen macht Zukunft, um Unternehmertum und Übergaben im Mittelstand sichtbar zu machen.
Weitere Informationen zu den Angeboten der Bürgschaftsbank Hessen unter: www.bb-h.de
Download der Studie »Nachfolgemonitor 2026« und weitere Informationen unter: www.nachfolgemonitor.de
Über den Nachfolgemonitor
Der Nachfolgemonitor basiert auf den realen Unternehmensdaten aus den Datenbanken der deutschen Bürgschaftsbanken und von Creditreform. Die in allen Bundesländern bestehenden Bürgschaftsbanken dienen der Förderung der mittelständischen Wirtschaft und werden in der Regel von regionalen Akteuren wie den Handwerkskammern, den Industrie- und Handelskammern, mittelständisch orientierten Kreditinstituten und Verbänden getragen. Mit dem Nachfolgemonitor wollen der Verband Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB), die Creditreform Rating AG und das KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule (KCE) sowie die FH Salzburg dazu beitragen, den Mittelstand bei der Gestaltung erfolgreicher Nachfolgeregelungen effektiv zu unterstützen.
Die Herausgeber:
FOM Hochschule
Mit mehr als 40.000 Studierenden zählt die FOM zu den größten Hochschulen Europas. Initiiert durch die gemeinnützige Stiftung BildungsCentrum der Wirtschaft ermöglicht sie Berufstätigen, Auszubildenden, Abiturienten und international Studierenden ein Hochschulstudium. Die FOM ist staatlich anerkannt und bietet mehr als 50 akkreditierte Bachelor- und Master-Studiengänge an – im Campus-Studium an 35 Hochschulzentren oder im ortsunabhängigen Digitalen Live-Studium aus den TV-Studios der FOM. Studierende können zudem weltweit Studienerfahrungen an renommierten Partnerhochschulen sammeln.
Verband der Vereine Creditreform e.V.
Mit qualitativen Wirtschaftsdaten bewertet Creditreform aktuelle Geschäftsrisiken, erkennt Marktpotenziale und realisiert offene Forderungen. Damit bietet Creditreform Unternehmern eine valide Grundlage für datengestützte und verlässliche Geschäftsentscheidungen. Tagtäglich setzen sich fast 4.000 Mitarbeiter engagiert und vorausschauend für ihre Kunden ein. Mit 162 Geschäftsstellen in Europa und einem weltweiten Businessnetzwerk ist Creditreform in jeder Wirtschaftsregion erreichbar – persönlich und digital. Gemeinsam mit 162.000 Mitgliedsunternehmen bildet Creditreform eine starke und schützende Community, die Menschen und Unternehmen verbindet. So stärkt Creditreform das gegenseitige Vertrauen in der Geschäftswelt und leistet einen wertvollen Beitrag, um die Wirtschaft nachhaltig zu sichern.
FH Salzburg
Die FH Salzburg bietet ihren 3.200 Studierenden in den Departments Angewandte Sozialwissenschaften, Business and Tourism, Creative Technologies, Gesundheitswissenschaften, Green Engineering and Circular Design und Information Technologies and Digitalisation beste akademische Ausbildung mit hohem Praxisbezug. Mit dem Fokus auf Innovation in Forschung und Lehre sowie der internationalen Orientierung wird die FH Salzburg zur Initiatorin zukunftsfähiger Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Verband Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB)
Der Verband Deutscher Bürgschaftsbanken e. V. (VDB) ist die gemeinsame Interessenvertretung der 17 rechtlich und wirtschaftlich selbstständigen Bürgschaftsbanken und Beteiligungsgarantiegesellschaften sowie der 15 Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBGen) in Deutschland. 2023 sicherten die deutschen Bürgschaftsbanken über 4.520 Finanzierungsvorhaben ab.
Bürgschaftsbank Hessen GmbH
Seit 1954 unterstützt die Bürgschaftsbank Hessen GmbH (BB-H) den wirtschaftlichen Erfolg kleiner und mittlerer Unternehmen sowie Freiberufler in Hessen. Als Institution der hessischen Wirtschaft stellt die BB-H Bürgschaften für Kredite oder Beteiligungen bereit, um Unternehmen den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten zu erleichtern – insbesondere dann, wenn die Hausbanken aufgrund des Risikos zurückhaltend sind. Gesellschafter der Bürgschaftsbank sind Kammern, Verbände aus Handel, Industrie und Handwerk, Kreditinstitute sowie eine Versicherung, die gemeinsam das Vertrauen in die BB-H stärken.
Pressekontakt
Stefan Schneider
Pressesprecher
im Auftrag der Bürgschaftsbank Hessen
presse@bb-h.de

Bürgschaftsbank Hessen